Meilensteine der Musik: Von Johann Sebastian Bach bis Kraftwerk
"Zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen Musicalischen Jugend, als auch derer in diesem studio schon habil seyenden besonderem ZeitVertreib auffgesetzet."
Es ist das Jahr 1722, als der 37jährige Johann Sebastian Bach diese Worte auf das Titelblatt einer Komposition schreibt, die bis heute zu seinen wichtigsten zählt: Das Wohltemperierte Klavier. Gedacht ist das Werk als Beitrag zur musikalischen Erziehung seiner 20 Kinder – doch der Meister der Barock-Musik schafft mit seinen außergewöhnlichen Tonfolgen den Übergang in eine neue Epoche. Bach gestaltet durch seine Komposition den Aufbruch in das Zeitalter der "klassischen Musik". War es im Barock noch keinesfalls üblich, sich nach verbindlichen Anweisungen zu richten, beginnt Bach mit dem "Wohltemperierten Klavier", musikalische Ordnung und ungeahnte Kompositionsmöglichkeiten zu schaffen.
Für Experten ist Bach ein Jahrtausendgenie – zu seinen Lebzeiten jedoch findet sein kompositorisches Schaffen nur wenig Beachtung.
 |
Geboren 1685 in Eisenach zieht es Bach erst nach Ohrdruf zum Lyzeum, dann nach Lüneburg zur Sing- und Orgelschulung. In Celle und Hamburg bildet er sich im Orgelspiel weiter. 18-jährig wird er Organist in Arnstadt, streitet sich mit untalentierten "Zippelfagottisten" und wechselt nach Mühlhausen, wo er mit 22 Jahren seine Cousine Maria Barbara heiratet. Sieben Kinder entspringen dieser Ehe. Rund zehn Jahre später wird Bach Hofkapellmeister in Köthen. Hier heiratet er nach dem Tod seiner ersten Frau die 16 Jahre jüngere Anna Magdalena Wülken, mit der er weitere 13 Kinder zeugt. Nach wiederum sechs Jahren zieht Bach 1723 schließlich nach Leipzig, wo er als Thomaskantor bis zu seinem Tod 1750 wirkt.
Eine außergewöhnliche Mischung aus Kreativität, Präzision und Disziplin machen Bachs Genie aus, das sich in ungezügelter Lust am Spielen und einem Werk von immensem Formenreichtum entfaltet.
Bach ist Orgel- und Cembalovirtuose, beherrscht Violine und Bratsche und ist ein Meister der Improvisation. Er komponiert nahezu pausenlos: Fugen, Kantaten, Passionen – mit Ausnahme der Oper schafft er Meisterwerke in allen damals üblichen Gattungen. Über 1000 Kompositionen sind im Bach-Werke-Verzeichnis katalogisiert – und das, obwohl zahlreiche seiner frühen Werke als verschollen gelten.
Unzählige Musiker setzen sich in den nachfolgenden Jahrhunderten mit seinen Werken auseinander. Viele der späteren Kompositionen werden von Bach inspiriert. So ist Ludwig van Beethoven vom "Wohltemperierten Klavier" begeistert und überträgt die neuen Kompositionsmöglichkeiten in sinfonische Dichtung. Johannes Brahms beruft sich auf Bach und Felix Mendelssohn-Bartholdy führt 1829 die "Matthäuspassion" von Bach auf, wodurch es zu einer wahren Bach-Euphorie kommt.
"Bach ist Anfang und Ende aller Musik", sagt der Komponist Max Reger. "Wir sind alle Stümper gegen ihn", erklärt der berühmte Robert Schumann. Und Keith Jarrett, einer der bedeutendsten Jazz-Pianisten der heutigen Zeit, würdigt Bach mit den Worten: "Diese Musik braucht meine Hilfe nicht".
Doch Bach ist nur einer der großen deutschen Komponisten. Die Liste ist lang: Georg Friedrich Händel, Zeitgenosse von Bach und zu Lebzeiten viel berühmter als dieser, zählt zu den großen Komponisten, wie auch Ludwig van Beethoven, Schöpfer der 9. Sinfonie und damit der Europa-Hymne. Der unkonventionelle Pianist Johannes Brahms, das Wunderkind Felix Mendelssohn-Bartholdy, Richard Wagner, der eine neue Form der Oper kreiert, und Anton Bruckner, der die Musik Wagners in den Konzertsaal holt, setzen diese Liste fort. Karlheinz Stockhausen, der maßgeblich an der Entwicklung der Elektronischen Musik beteiligt war, und – nicht zu vergessen – die Band "Kraftwerk" sind Beispiele für die anhaltende Tradition.
 |
Hofer Symphoniker |
Deutschland hat ein reiches musikalisches Erbe – und eine ausgeprägte zeitgenössische Musikszene. Tanz, Theater, Tote Hosen – Kunst und Musik gehören zum Lebensgefühl. Viele Festivals von Nord bis Süd sind für Musikliebhaber aller Genres zu einer festen Institution geworden: die Wagner-Festspiele, das Schleswig-Holstein Musik Festival, das "Hurricane" in Scheeßel, das Festival in Ansbach zu Ehren Johann Sebastian Bachs oder der "Rock am Ring" auf dem Nürburgring sind nur einige Beispiele.
Die Kleinsten werden schon im Kindergarten musikalisch gefördert – auch das ist ein Erbe Bachs, der seinen Kindern von klein an Musikunterricht gab. Diesen Sinn für Nachwuchsförderung hat sich Deutschland erhalten: Rund 900.000 Schüler werden Jahr für Jahr von 35.000 Lehrern an staatlichen Musikschulen unterrichtet. So erhalten viele junge Talente die Chance, einmal große Musiker zu werden.
Diese beeindruckenden Zahlen lassen sich fast unendlich fortsetzen: Hierzulande gibt es mehr als 2000 selbständige Komponisten und Musikbearbeiter, rund 100 Musikverlage und 2000 Musik- und Tanzensembles. Rund 25.000 junge Leute in Deutschland beginnen jedes Jahr mit einem Musikstudium – und mehr als 1,4 Millionen Menschen singen in fast 50 000 Chören. Aus Deutschland ist Musik nicht wegzudenken.